Mit DAAS begrüßen wir im MinMon Podcast #56 eine Künstlerin, deren Sound dort entsteht, wo Clubnächte intim werden und Räume anfangen zu atmen. Zwischen deepen Grooves, reduzierter Spannung und einem feinen Gespür für Timing erzählt ihr exklusiver DJ-Mix von einem bewegten Jahr 2025. Geprägt von Kollektivarbeit, urbanen Nächten und der Energie gemeinsamer Floors blickt DAAS zurück – und zugleich nach vorn.
Im Interview geht es um bedeutende Auftritte, Clubkultur im Wandel und die Kraft von Gemeinschaft in der elektronischen Szene.
Steckbrief
Artist Name: DAAS
Label/Crew: 9th Floor
Style: Minimal House, Progressive House, Breakbeat
First Rave: BRET Bar, Amsterdam, June 2022
On Air Since: November 2024
Living: Berlin, Germany
Playtime: 3 hours
DJ Setup: * Players: Pioneer DJ CDJ-3000 * Mixer: DJM-900NXS2
Favorite Tracks:
* How Bad I Want Ya (Gu Peak True Mix) – Peven Everett, Stacy Kidd, Glenn Underground
* Parallel Jalebi, Live in Tokyo – 4TLR
* And I’m Telling You I’m Not Going – Jennifer Holiday
* Ungena Za Ulimwengu (Unite The World) – The Undisputed Truth
* Déjà Vu – Mogwaa
* MacArthur Park – Donna Summer
Best Drink: Bloody Mary
Superpower: Awareness of my own- and other people’s superpowers :)
Podcast
(Direktlinks: Podcast Feed, iTunes, SoundCloud, Download)
Interview
Hi Dana, du hattest 2025 einige starke Sets, u. a. beim Sisyphos MayDay und Hamburn 2025 – welcher deiner Auftritt hat sich für dich persönlich am nachhaltigsten angefühlt und warum?
Hi, danke für die Einladung! Ich würde definitiv mein Sisyphos-MayDay-Set nennen. Auf einem Dancefloor zu spielen, der mir persönlich so viel bedeutet und auf dem ich viele meiner liebsten musikalischen Momente erlebt habe, war ziemlich surreal. Der Wintergarten-Dancefloor hat meine Leidenschaft für House-Musik entfacht und war ein entscheidender Auslöser dafür, dass ich mit dem DJ-ing begonnen habe.
Ein wichtiger Aspekt dieses Sets, der es für mich besonders nachhaltig gemacht hat, war, dass ich einige Tracks mit Lyrics gespielt habe, die mich tief berührt haben. Einer davon ist „Man of Science“ von Luca Lozano, ein Track, der sehr gut die Gefahren beschreibt, die mit dem Zugang zu einer riesigen Menge ungeprüfter Informationen im Internet einhergehen.
Ein weiterer Track, den ich sehr regelmäßig höre und dessen Lyrics mich seit meiner Entdeckung dieses Songs stark treffen, ist „What’s Next“ von Sweely. Meine liebsten Textzeilen daraus sind: „When you go with the flow, the world comes out to meet you“ und „The moment you transform from victim to participant, you become the artist of your life.“
Nichtsdestotrotz gehört auch mein Hamburn 2025 Set zu meinen absoluten Favoriten, denn Burner sind das beste Publikum, das man sich vorstellen kann. Dieses Burn-Event hat außerdem einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen, da ich dort 2024 mein erstes Set gespielt habe.
Du bist auch immer mal wieder bei b2b-Sessions dabei, u. a. mit Daya Pruna. Was reizt dich an b2b-Sets und wie verändert sich dein Spiel an den Decks dabei?
Ich habe die Magie von b2b-Sessions tatsächlich erst vor Kurzem für mich entdeckt. Ich kann durchaus so etwas wie ein „Einzelgänger“ sein und mache viele Dinge lieber allein. Deshalb dachte ich lange, dass b2b-Sets nicht wirklich zu mir passen würden.
Eine Session, die meine Sicht darauf komplett verändert hat, war das gemeinsame Closing mit Daya Pruna auf einer Warehouse-Party von Zapped Records. Unsere Stile haben sich perfekt ergänzt, die gemeinsame Kuration während des Sets und die Reaktionen des Publikums haben dieses Set zu einem meiner liebsten gemacht.
Daya und ich haben ungefähr zur gleichen Zeit mit dem DJ-ing angefangen und seitdem viele Tracks und Techniken miteinander geteilt. Daraus haben wir jeweils unseren eigenen Stil entwickelt, die sich letztlich perfekt miteinander verbinden lassen. Diese Erfahrung mit ihr zu teilen war etwas ganz Besonderes – etwas, das sich solo nicht annähernd so angefühlt hätte.
Ein b2b-Set ist meiner Meinung nach auch eine großartige Möglichkeit, sich selbst herauszufordern, da man ständig im Blick behalten muss, in welche Richtung sich das Set entwickelt und welche Tracks und welche Atmosphäre zu den Tracks des b2b-Partners passen. Man lernt, sehr aufmerksam zuzuhören und gut zu kommunizieren. Ich würde in Zukunft sehr gerne noch öfter Teil von b2b-Sessions sein!
Du bist auch Teil des 9th Floor music collective – welche Rolle spielen Kollektive für dich in einer Zeit, in der vieles sehr individualisiert läuft?
Ich bin noch relativ neu in der Szene, habe aber bereits einige Situationen erlebt, in denen meine Arbeit oder meine guten Absichten ausgenutzt wurden – auch aufgrund der Richtung, in die sich die Szene entwickelt, in der es oft einen unausgesprochenen Konsens zu geben scheint, dass man sich „durchkämpfen“ muss, ohne viel Rücksicht auf andere zu nehmen.
Was ich am 9th Floor Collective besonders schätze, ist, dass wir eine gemeinsame Leidenschaft für Musik und Community in Momente verwandeln, die wir mit Menschen teilen, die wir lieben. Das mag vielleicht banal klingen, aber genau dieses Teilen einer Leidenschaft – ohne großen materiellen oder persönlichen Gewinn – ist etwas, das in unserer sehr ich-zentrierten Gesellschaft leicht verloren gehen kann.
Dein DJ-Stil wirkt reduziert, deep und konzentriert auf Groove statt Effekte. Wie würdest du selbst beschreiben, was deinen Sound im Kern ausmacht?
Ich freue mich sehr, dass mein Stil so wahrgenommen wird! Der Kern meines Sounds ist es, ein Set zu gestalten, das die Zuhörer:innen auf eine Reise durch Musik mitnimmt, die bei mir selbst oft einen sehr tiefen Eindruck hinterlassen hat und mit vielen schönen Erinnerungen verbunden ist – durch die Atmosphäre, die diese Musik geschaffen hat.
Ich hoffe immer, dass die Musik auch bei den Hörer:innen eigene, tiefere Erinnerungen weckt. Das war schon mein Hauptfokus, als ich mit dem DJ-ing angefangen habe, und das möchte ich mir bewahren.
Es stimmt auch, dass ich mich mehr auf Kuration und Übergänge konzentriere als auf Effekte, da mir das Erzählen einer Geschichte und das Begleiten durch unterschiedliche Stimmungen und Assoziationen wichtiger ist. Das Sisyphos-MayDay-Set ist ein gutes Beispiel dafür: Es enthält viele Tracks, die mich persönlich stark geprägt haben, beim Publikum aber ganz unterschiedliche Eindrücke hinterlassen können.
Clubkultur steht aktuell unter Druck – wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich. Was bedeutet Clubkultur für dich heute, und was muss sich verändern, damit sie lebendig bleibt?
Der Kern von Clubkultur bedeutet für mich die Freiheit, sich selbst auszudrücken, radikale Akzeptanz aller Beteiligten, das Loslassen von Energie und das Feiern der Arbeit talentierter Künstler:innen, die ihr Herzblut in ihre Kunst stecken.
Mit diesen Gedanken im Hinterkopf wäre ein großer Schritt in die richtige Richtung, das Fotografieren und Filmen auf den meisten Dancefloors stark einzuschränken – außer mit klarer Zustimmung. Der Unterschied im Gefühl von Freiheit und Loslassen beim Tanzen oder Auflegen ohne Kameras ist enorm.
Ich habe angefangen, Ausgehen und Tanzen richtig zu genießen, nachdem ich nach Berlin gezogen bin – wegen der Vielfalt auf den Dancefloors und weil ich nicht das Gefühl hatte, dass Menschen für Tausende Follower performen, die sie nie treffen werden. Stattdessen geht es darum, im Moment zu sein, ihn mit geliebten Menschen zu teilen und zu vielfältigen, schöne Musik zu feiern. Genau dieser Fokus sollte der Grund sein, auszugehen – und genau er wird Clubkultur lebendig halten. Das Dokumentieren durch Fotos für andere wird das nicht leisten.
Als Frau hinter den Decks bist du sichtbar Teil einer Szene im Wandel. Wie erlebst du aktuell Diversität und Gleichberechtigung im Clubkontext – und wo siehst du noch klare Baustellen?
Während meiner Zeit als DJ habe ich viele Menschen kennengelernt, mit denen ich mich allein durch die gemeinsame Liebe zur Musik verbunden habe – ohne dass Geschlecht oder Herkunft eine Rolle gespielt hätten. Gleichzeitig gab es aber auch Momente, in denen ich die Absichten anderer falsch eingeschätzt habe und ausgenutzt wurde.
Aus meiner persönlichen Erfahrung bedeutet die Arbeit im Nachtleben als Frau, vorsichtiger zu sein – gegenüber den Menschen, mit denen man arbeitet, und deren Intentionen. Das ist etwas, das sich ändern muss.
Zusammenarbeiten und Bookings sollten auf Professionalität, gegenseitigem Respekt, ethischem Handeln und dem gemeinsamen Wunsch beruhen, ein schönes Erlebnis für Künstler:innen, Publikum und alle Beteiligten hinter den Kulissen zu schaffen.
Um an eine frühere Frage anzuknüpfen: Clubkultur bleibt nur dann lebendig, wenn Räume entstehen, in denen alle Beteiligten respektiert und wertgeschätzt werden. Das funktioniert nur durch faire und gleichberechtigte Behandlung.
Gab es Künstler:innen oder DJs, die für dich so etwas wie Idole waren oder sind – Menschen, die deinen Blick auf Musik oder Szene nachhaltig geprägt haben?
Ein DJ-Duo, das mir sofort einfällt, ist Makèz aus Amsterdam. Ihr Set im Wintergarten des Sisyphos war für mich der Ursprung meiner Liebe zur House-Musik und meines Wunsches, selbst aufzulegen. Ihre spürbare Leidenschaft in Kombination mit dem rohen, tribalartigen Sound hat mir Gänsehaut beschert.
Seitdem versuche ich, sie immer zu sehen, wenn sie in Berlin spielen. Ihre Sets sind stets vielfältig und trotzdem klar erzählt. Sie haben mir gezeigt, dass DJ-Sets nicht an ein Genre gebunden sein müssen. Ein Moment, den ich nie vergessen werde, ist, wie sie „Don’t Phunk With My Heart“ von den Black Eyed Peas im Wintergarten gespielt haben.
Sehr inspirierend finde ich auch Book Club Radio aus New York. Sie veranstalten Partys, die als Buchclubs getarnt sind: keine Handys auf dem Dancefloor, der DJ spielt zur Wand, sieht das Publikum aber über einen Spiegel. Das führt zu einer Atmosphäre, in der sich die Menschen aufeinander konzentrieren – und ich habe dort einige meiner Lieblingssongs entdeckt.
Außerdem darf ich WEDER nicht unerwähnt lassen, den ich bei meinem ersten Set auf dem Hamburn 2024 kennengelernt habe. Er hat meine Sicht auf Musik und Szene nachhaltig geprägt. Seine Art, mich zu ermutigen und zu inspirieren, hat mir gezeigt, wie wertvoll respektvoller und wertschätzender Umgang unter Künstler:innen ist. Seit er bei uns eingezogen ist, erlebe ich aus nächster Nähe, wie sehr er Musik lebt, andere inspiriert und sich selbst immer wieder neu herausfordert. Wenn das keine Inspiration ist, weiß ich auch nicht.
Wenn du auf 2026 schaust: Gibt es bestimmte musikalische Richtungen, Kooperationen oder Projekte, die du unbedingt realisieren willst?
Im Clubkontext bewegt sich mein Stil aktuell mehr in Richtung Minimal mit schweren Basslines und futuristischen Texturen. Ein Ort wie die Hoppetosse steht ganz oben auf meiner Wunschliste, da ich dort einige meiner schönsten Tanzmomente erlebt habe.
Gleichzeitig möchte ich mehr Radio-Shows und Podcasts aufnehmen – wie diesen MinMon-Mix – mit einem breiteren Tempo-Spektrum sowie natürlicheren oder sogar ambienten Sounds. Das fordert mich heraus, da „wohnzimmertaugliche“ Musik oft schwerer zu mixen ist als klassischer Four-to-the-Floor-House.
Ein weiteres großes Ziel ist es, eigene Produktionen zu machen und meine Stimme einzubinden. Sehr glücklich würde es mich außerdem machen, meine Leidenschaft für Musik und Event-Organisation mit der Unterstützung von Geflüchteten in Berlin zu verbinden – etwa durch Veranstaltungen, bei denen sie mit der lokalen Community in Kontakt kommen können. Musik überwindet Sprache, Kultur und Herkunft und schafft Verbindung durch Gemeinschaft und Gefühl.
Zum Abschluss: Wo würdest du deinen MinMon Podcast Mix am liebsten gehört wissen – im Club, beim Autofahren durch die Nacht oder irgendwo, wo man sonst so Musik erlebt?
Dieses Set ist voller Tracks mit Naturklängen – Donner, Vogelstimmen, Blasen unter Wasser, tiefe Echos zwischen Felswänden. Ich habe diese Sounds eingebaut in der Hoffnung, dass sie die Hörer:innen auf eine Reise durch ihre eigenen Assoziationen mitnehmen.
Vielleicht erinnert es an einen Camping-Trip mit guten Freund:innen, ein nächtliches Picknick mit einem geliebten Menschen oder das befreiende Gefühl, im Meer zu schwimmen. Egal wohin es euch trägt – ich hoffe, es weckt schöne Erinnerungen.
Am besten entfaltet sich diese Reise bei einem nächtlichen Spaziergang durch Wald oder Park oder während einer langen Auto- oder Fahrradtour. Aber eigentlich: Hör ihn einfach dann, wenn du ein kleines Zeitportal brauchst.
Vielen Dank für deine Mix.
Thanks for having me :)